Personendaten


Neuwirth Sara

Nachname
Neuwirth
Geburtsname
Bamberger
Vorname
Sara
Geburtsdatum
12.07.1891
Geburtsort
Schwersenz
Weitere Familienmitglieder

Eltern: Seckel und Nannette Bamberger
Geschwister: Kehla, Seligmann Bär, Iyras verh. Adler, Simcha Simon, Moses Löb, Adelaide verh. Jutkowski
Ehemann: Dr. Aron Neuwirth
Kinder: Paul (Shaul Yacheskel), Simon (Simcha Elieser), Jocheved, Yirat, Jehoshua Jeshaya, Moshe Arie (Leib) Gavriel und Josef Reuven Rafael
 

Adresse

Promenadestraße 17 (heutige Zählung)

Beruf/Ämter
Emigration/Deportation

1939 emigriert in die Niederlande/im Untergrund überlebt
1947 nach Palästina ausgewandert

Sterbeort/Sterbedatum
Israel - ca.1990

Biografie


Sarah Neuwirth geb. Bamberger war die Tochter Dr. Seckel Bambergers, des vorletzten Kissinger Rabbiners, der zwischen 1902 und 1932 dreißig Jahre lang dieses Amt bekleidete, und dessen Frau Nannette. Sie kam am 12. Juli 1891 in Schwersenz (in der Nähe von Posen) zur Welt. 1902 zog die Familie nach Bad Kissingen, wo Sarahs Vater die Stelle des Distriktrabbiners übernahm. Die Bambergers lebten in der Promenadestraße in unmittelbarer Nähe des jüdischen Gemeindehauses und der Synagoge in der „Villa Adelaide“, die nach der Mutter von Dr. Seckel Bamberger benannt wurde. Nannette Bamberger führte dort eine in orthodoxen Kreisen sehr geschätzte Pension.   

Sarah Bamberger heiratete den Rabbiner Dr. Aron Neuwirth, der 1881 im ungarischen Alistàl geboren war. Seine Mutter war eine Nachfahrin von Rabbiner Jakob Ettlinger und eine Urenkelin des Würzburger Raws. Nach seiner Ausbildung am berühmten Rabbinerseminar in Berlin war Dr. Neuwirth in Mainz als Lehrer der Religionsgesellschaft des Rabbiners Jonas Bondi tätig. Er wurde dann als Rabbiner nach Halberstadt berufen. Mit seiner Frau hatte er sieben Kinder.

Nach dem Novemberpogrom hatten die Eltern ihren zwölfjährigen Sohn Jehoshua und zwei seiner Brüder mit einem Kindertransport nach Belgien geschickt. 1939 floh die restliche Familie in die Niederlande, in der trügerischen Hoffnung hier vor der nationalsozialistischen Verfolgung sicher zu sein. Die Familie lebte gemeinsam in Amsterdam. Mit Beginn der deutschen Besetzung im Jahr 1940  wurde die Lage erneut bedrohlich für die Neuwirths. Sie erhielten Unterstützung aus dem Untergrund: Man überließ ihnen Lebensmittelkarten und Dr. Aron Neuwirth bekam ein Gehalt als Rabbiner.

Die beiden ältesten Söhne beschlossen aufgrund der bedrohlichen Lage, Amsterdam zu verlassen. Paul Neuwirth floh nach Shanghei, wo etwa 20 000 Juden Zuflucht gesucht hatten. Während der japanischen Besatzung Schangheis wurden die jüdischen Flüchtlinge in einem Ghetto festgesetzt, wo Paul Neuwirth 1944 noch vor der Befreiung des Ghettos im Alter von erst 25 Jahren starb. Sein jüngerer Bruder Simon ging nach Frankreich und wurde nach der Besetzung durch deutsche Truppen verhaftet, in den Lagern St. Cyprien und Drancy inhaftiert und von dort nach Auschwitz deportiert, wo er den Tod fand.

Sarah und Aron Neuwirth und die Kinder, die in Amsterdam geblieben waren, lebten in beständiger Angst, von den Nazis entdeckt und verhaftet zu werden. Die Wohnung der Neuwirths lag direkt gegenüber dem deutschen Hauptquartier in Amsterdam. Immer wieder kam es zu Razzien der Besatzungstruppen, die auf der Suche nach versteckten Juden waren. Die Neuwirths versteckten sich in ihrer Wohnung, die sie in den nächsten drei Jahren nicht mehr verließen. Sie hielten die Fenster geschlossen und verhielten sich ruhig, so dass die Wohnung unbewohnt und leer stehend erschien. Wenn sie von einer Razzia erfuhren, zogen sie sich in ein Versteck im Zwischenstock zurück. Leute aus dem Widerstand versorgten sie immer wieder heimlich mit Essen, zudem kaufte Yirat, die „arisch“ aussah, von Zeit zu Zeit Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs ein.

Doch 1943 beschlossen die Nationalsozialisten die jüdische Gemeinde in Amsterdam zu liquidieren. Eines Tages standen die Deutschen mit Deportationslisten im Hof vor dem Haus, in dem die Neuwirths lebten und riefen: „Gibt es hier Juden?“ Die Neuwirth-Familie war vor Angst erstarrt und wartete schon auf das unvermeidliche Klopfen an ihrer Tür. Doch einer der nichtjüdischen Nachbarn rief den Deutschen zu: „ Wir wissen hier nichts von irgendwelchen Juden!“ und die Nazis zogen tatsächlich weiter.

Wie durch ein Wunder überlebten die Neuwirths und Sarah Neuwirth und ihr Mann Aron wanderten in den Nachkriegsjahren mit ihren überlebenden Kindern nach Palästina aus. Ihr Mann fand in Jaffa eine Anstellung als Rabbiner. Sein Lebensmittelpunkt sollte aber Bnei Brak werden, eine in orthodoxen Kreisen berühmte Stadt nordöstlich von Tel Aviv. Dort starb er 1957, Sara Neuwirth starb hochbetagt um ca. 1990 mit fast 100 Jahren.

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Sarah Neuwirth geb. Bamberger im Familienkreis


Quellenangaben


Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945externer Link
Hans-Jürgen Beck, Kissingen war unsere Heimat, Stand April 2017, S.431ff
Hamodia, The daily newspaper of Torah Jewry, Hagaon Harav Yehoshua Neuwirth, zt”l, 11.06.2013externer Link
Die Informationen über das Schicksal der Familie Neuwirth in Amsterdam beruhen überwiegend auf dem Vorwort, das Rabbiner Yehoshua Neuwirth für die dritte Auflage seines berühmten Buches über die Beachtung der Schabbatgesetze verfasst hat. Dr. Shaul Yutav war so freundlich den hebräischen Originaltext ins Englische zu übertragen und zusammenzufassen.

Bildnachweise


© Dr. Shaul Yutav, Tel Aviv



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