Personendaten


Isaacs Bertha

Nachname
Isaacs
Geburtsname
Heimann
Vorname
Bertha
Geburtsdatum
25.03.1908
Geburtsort
Schwanfeld
Weitere Familienmitglieder

Eltern: Adolf Heimann und Therese geb. Kuhn
Geschwister: Arthur, Max, Rosa
Ehemann: Isidor(e) Isaac
Kinder: Ralf und Norman

Adresse

Marktplatz 2 (2. Stock)

Beruf/Ämter
Hausangestellte
Emigration/Deportation

seit 1941 im Ghetto Schaulen interniert
Juli 1944 deportiert ins KZ Stutthof 
überlebt die NS-Zeit
1946 emigriert in die USA

Sterbeort/Sterbedatum
Hollywood, Broward, Florida, USA - 17.10.2003

Biografie


Bertha Isaak geb. Heimann lebte nur kurze Zeit in Bad Kissingen. Sie kam am 25. März 1908 als Tochter des Viehhändlers Adolf Heimann und seiner Frau Therese geb. Kuhn in Schwanfeld im Landkreis Schweinfurt zur Welt. Die weit verzweigte jüdische Familie Heimann lebte dort seit vielen Generationen.

Im September 1933 zog Bertha Heimann nach Bad Kissingen und wohnte und arbeitete als Hausangestellte bei dem damals bereits verwitweten Salomon Leuthold am Marktplatz, mit dem sie weitläufig verwandt war. Sie erlebte hier den immer stärker aufkommenden Antisemitismus und erinnert sich in einem 1994 aufgenommenen Interview noch an das Schwimmbadverbot für Juden. Oder an einen Vorfall beim Besuch ihrer Schwester aus Schwanfeld: Als sie hier zum Tanzen gehen wollten, wurden sie kurzerhand des Lokales verwiesen, weil man Bertha als Jüdin kannte. In Bad Kissingen lernte sie auch ihren zukünftigen Mann Isidor Isaak kennen. Bereits im November 1935 kehrte sie nach Schwanfeld zurück. 

Im April 1936 heiratete sie Isidor Isaak und zog mit ihrem Mann in desssen Heimatort Saugen (heute Saugos) im Memelland, wo dieser ein großes Warenhaus führte. Das Memelland war nach dem Ersten Weltkrieg von Ostpreußen abgetrennt worden. Es wurde zunächst dem Völkerbund unterstellt und gehörte seit 1924 zu Litauen. Das Ehepaar hatte deshalb die illusionäre Hoffnung, dort vor den Nazis sicher zu sein. Doch als nach einem deutschen Ultimatum Litauen im März 1939 das Gebiet an Deutschland zurückgab und deutsche Truppen daraufhin das Land besetzten, waren die jüdischen Bewohner dem NS-Terror schutzlos ausgeliefert.  

Nach der expansiven Politik Hitlers gegenüber der Tschechoslowakei 1938/1939, die mit dem Einmarsch deutscher Truppen im April 1938 in Prag eskalierte, hatte Familie Isaak Ähnliches auch für das Memelland befürchtet und deshalb im litauischen Tauroggen eine Wohnung angemietet und bereits Möbel dorthin gebracht. Als sie dann in der Nacht vor dem deutschen Einmarsch in das Memelland von einer befreundeten Telefonistin gewarnt worden waren, brachen sie noch vor Tagesanbruch auf und flohen mit ihrem 1937 geborenen Sohn Ralf auf einem LKW mit den wichtigsten Habseligkeiten nach Tauroggen. Die Stadt wurde wie das restliche Litauen gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 der russischen Einflusssphäre zugeschlagen, so dass ab Oktober das Land von den Russen besetzt wurde. Die Isaaks hatten die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen und mussten ihre komfortable Wohnung an die Russen abgeben, ausgesprochen antisemitische Erfahrungen blieben ihnen aber erspart.

Dies änderte sich schlagartig mit dem Angriff deutscher Truppen auf die Sowjetunion im Sommer 1941. Als Tauroggen in der Nacht vom 26. Juni von der deutschen Luftwaffe bombardiert wurde, wurde die Bevölkerung aus der Stadt evakuiert. Für die Familie Isaak begann damit eine vierjährige Schreckenszeit, die hier nur  knapp skizziert werden kann. (Eine anschauliche, erschütternde Darstellung findet sich in den unten aufgeführten Interviews des Holocaust Documentation Centers mit Bertha Isaacs und ihrem Mann Isidore).

Auf der Flucht entkamen sie aufgrund glücklicher Umstände mehrmals nur knapp dem Tode und kamen im August 1941 nach Schaulen (heute Šiauliai),  eine größere Stadt im Norden Litauens. Hier lebten sie in einem Ghetto mit etwa 5000 jüdischen Bürgern, in dem die Ghettobevölkerung Zwangsarbeit für die Deutschen leisten musste. Der 5. November 1943 sollte zum schlimmsten Tag in Berthas Leben werden, denn an diesem Tag wurde ihr sechsjähriger Sohn Ralf im Rahmen einer "Säuberungsaktion" zusammen mit über 500 Kindern aus dem Lager verschleppt und ermordet.

Bertha Isaacs (neue Schreibweise des Familiennamens nach der Emigration) erzählt im Interview von 1994, dass Ralf sie Tage zuvor gefragt habe: "Warum grabt ihr im Garten keine Grube für mich, in der ich mich verstecken kann, bevor sie mich finden können." Bertha nahm ihren Sohn zur Arbeit in eine Halle mit, in der alte Kleider ausgebessert wurden, und versuchte ihn unter einem Bündel alter Kleider zu verstecken. Als etwa 80 ukrainische Soldaten in deutscher Uniform hereinkamen, die Räume nach den Kindern durchsuchten und die Arbeiterinnen aufforderten den Raum zu verlassen, wollte sie ihren Sohn nicht zurücklassen und nahm ihn mit nach draußen. "Und in dem Moment, als wir auf die Straße gingen, rissen sie mir das Kind von der Hand. Ich wollte das verhindern und sagte, ich lasse ihn nicht allein gehen, ich will mit ihm gehen. Da nahmen sie ihre Gewehre und schlugen auf mich ein und ich musste ohnmächtig miterleben, dass sie mir mein Kind entrissen. Dann brachten sie uns an einen Platz, wo LKWs bereitstanden, in die sie die Kinder einluden.“ Bertha Isaacs hat nie wieder etwas von ihrem Kind gesehen.

Kurze Zeit später meldete sich Bertha für die Arbeit in einem Armeebekleidungsamt einige Kilometer außerhalb des Ghettos Schaulen in einem Außenlager. Dort waren die Arbeits- und Lebensbedingungen etwas besser. Als sich jedoch die Rote Armee im Juli 1944 Schaulen näherte, wurden Bertha und Isidor Isaacs in KZ Stutthof bei Danzig evakuiert.

Dort waren die Überlebenschancen deutlich schlechter, aber Bertha konnte sich glücklicherweise schon bald zur Landarbeit auf einen großen Bauernhof melden, wo sie von August 1944 bis November 1944 war und nach eigenen Angaben recht gut behandelt wurde. Als im Januar 1945 die Rote Armee auch hier immer näher rückte, musste sie ins KZ Stutthof zurück und wurde von dort auf einen wochenlangen "Todesmarsch" geschickt. Sie überlebte die Strapazen und erreichte typhusgeschwächt und todkrank eine kleine Ortschaft in Pommern in Westpreußen, wo sie am 10. März von Soldaten der Roten Armee befreit wurde.

Ihren Mann, über dessen Schicksal sie seit Sommer 1944 nichts mehr wusste, sah sie erstmals wieder im Oktober 1945. Er war nach wenigen Wochen Aufenthalt im KZ Stutthof ins KZ Dachau gebracht worden. Von August 1944 bis April 1945 war er in einem Außenlager am Ammersee inhaftiert, dessen Häftlinge für den Bau eines Flughafens eingesetzt wurden. Auch er wurde in den letzten Kriegstagen noch auf einen sog. "Todesmarsch" nach Tirol geschickt. In Wagkirchen bei Bad Tölz wurde er am 2. Mai von den Amerikanern befreit.  

Ab Oktober 1945 lebten Bertha und ihre Mann gemeinsam im DP-Lager ("Displaced Persons") Neufreimann bei Landsberg am Lech. Sie blieben noch ein Jahr in Deutschland und emigrierten dann in die Vereinigten Staaten. Im Dezember 1946 erreichten sie den Hafen von New York und kurze Zeit später im Februar 1947 wurde ihr zweiter Sohn Norman geboren.

Auch Berthas Geschwister Arthur, Max und Rosa überlebten die NS-Zeit und konnten rechtzeitig emigrieren.

Bertha Isaacs und ihr Mann lebten 27 Jahre in der USA und wanderten dann 1973 nach Isidors Pensionierung - ausgerechnet am ersten Tag des Yom-Kippur-Krieges - nach Israel aus, wo Geschwister von ihnen lebten. Sie kamen dort allerdings mit der Sprache nicht so zurecht und wollten vermutlich auch wieder näher bei ihrem Sohn leben. Deshalb gingen sie 1986 zurück in die Vereinigten Staaten und verbrachten ihren Lebensabend in Florida. Bertha Isaacs starb hochbetagt im Oktober 2003 in Hollywood, Broward, Florida im Alter von 95 Jahren, Ihr Mann war ein Jahr zuvor gestorben.

Ihr ungewöhnliches Schicksal fasst Bertha Isaacs am Schluss ihres Survival-Interviews prägnant in folgendem Satz zusammen: "Es ist unmöglich zu glauben, dass Menschen so etwas überleben können - ich kann es heute nicht glauben, ich konnte es nie glauben, dass Menschen etwas so Schreckliches überleben können."

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Isidor Isaacs und Ehefrau Bertha geb. Heimann


Quellenangaben


Stadtarchiv Bad Kissingen, Polizeiliche Wohnungsmeldung
Datenbank Ancestry, Bertha Isaacs in Einbürgerungsgesuche New Yorkexterner Link
Datenbank Ancestry, Bertha Isaacs in USA, Sterbeindex der Sozialversicherung, 1935-2014externer Link
Zurück in einem anderen Leben, Artikel Mainpost, 04.05.2015externer Link
Informationen Elisbath Böhrer, basierend auf Telefonat mit Faye Salmon, geb. Rosenstock, Cousine von Bertha
Interview Holocaust Documentation Center: Bertha (Bertel) Isaacs Holocaust testimony externer Link 
Interview Holocaust Documentation Center: Isidore Isaacs Holocaust testimonyexterner Link
(Den Hinweis auf die beiden Interviews verdanken wir Hans-Jürgen Beck)
 

Bildnachweise




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