Personendaten
Herzberg Martha
Eltern: Hess Eisenburg und Regine geb. Klein
Ehemann: Ernst Herzberg
Kinder: Regina, Hans, Kurt
October 1936 emigriert nach Frankreich
Biografie
Martha (Amalie) Herzberg geb. Eisenburg stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie, die vermutlich schon Ende des 18. Jahrhunderts in Kissingen gelebt hat. Ihr Vater Hess Eisenburg (1836 - 1899) war von Beruf Pferdehändler und hatte 1876 in dritter Ehe Regina Klein (1848 - 1902) aus Poppenlauer geheiratet. Im Juni 1877 kam ihre Tochter Martha (Amalie) zur Welt.
Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Martha heiratete im Mai 1904 in Bad Kissingen den aus Magdeburg stammenden Kaufmann Ernst Herzberg (*1866), der um die Jahrhundertwende nach Berlin gezogen war (erster Eintrag im Berliner Adressbuch 1900) und sich dort 1903 von seiner ersten Frau Else geb. Heinemann hatte scheiden lassen. Martha und ihr Ehemann wohnten in Berlin, wo im Februar 1905 ihre Tochter Regina in Charlottenburg und ein Jahr später im Februar 1906 ihr erster Sohn Hans geboren wurde. Ein Jahr später im Januar 1907 kam in Magdeburg ihr zweiter Sohn Kurt zur Welt.
Die Familie lebte in Berlin zunächst in der Frankfurter Straße und später in der Darmstädter Straße. Laut Berliner Adressbuch wohnte die Familie Herzberg zwischen 1918 und 1936 in der Lauenburgstraße 2. Im Jahr 1926 gründete ihr Sohn Kurt in der Wassertorstraße 42 die Firma „Mundt & Co", eine kleine Fabrik, die Radioteile herstellte. Kurt war formell der Alleininhaber des Unternehmens, de facto handelte es sich jedoch um einen Familienbetrieb, in dem alle Familienmitglieder, auch Martha mitarbeiteten und vom gemeinsamen Einkommen profitierten. 1933 waren im Betrieb zehn Arbeiter und zwei Büroangestellte beschäftigt. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 lief das Geschäft sehr gut, doch in den nächsten Jahren gingen die Erträge spürbar zurück. 1936 musste Kurt Herzberg, da die Situation immer bedrohlicher wurde, Deutschland verlassen. Die Familie emigrierte im Oktober 1936 nach Paris, wo Marthas Tochter Regina bereits seit 1934/35 lebte. Sie hatte dort in der Rue Rochechouart die Firma „Rapid-Radio" - ein kleines Geschäft für Radiozubehörteile eröffnet, in dem auch Martha und ihr Sohn nach ihrer Emigration eine Beschäftigung fanden. Laut Pariser Volkszählung 1936 wohnte Martha zusammen mit Regina und Kurt dort in einer gemeinsamen Wohnung. Ihre finanzielle Situation war sehr schwierig, denn die Einnahmen des Geschäfts reichten kaum aus, den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Ihr Geschäft und ihren sonstigen Besitz in Deutschland hatte die Familie vollständig verloren. Das Geschäft wurde nach ihrer Flucht vom Reich beschlagnahmt und zwangsversteigert. Den Herzbergs wurde außerdem die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.
Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich und der nachfolgenden Besetzung wurde die Situation für die Familie erneut gefährlich. Die Söhne Hans und Kurt wurden zu Kriegsbeginn zunächst in verschiedenen französischen Lagern inhaftiert, wurden aber Ende 1939 freigelassen, da sie sich bereit erklärten, in die Fremdenlegion einzutreten. Hans leistete einen 10-monatigen Militärdienst in Nordafrika ab. Im Oktober 1940 wurde er demobilisiert und anschließend in verschiedenen nordafrikanischen Zwangsarbeitslagern, die der französischen Vichy-Regierung unterstanden, inhaftiert. Erst im März 1943 kam er wieder frei und trat in die britische Armee ein. Im Oktober 1946 schied er aus ihr aus und konnte nach Paris zurückkehren. Sein Bruder Kurt überlebte dagegen nicht. Auch er beendete im Herbst 1940 seinen Dienst bei der Fremdenlegion, wurde daraufhin kurzzeitig in einem Zwangsarbeitslager inhaftiert und konnte im November 1940 nach Bagnères-de-Luchon in Südwestfrankreich gehen, wo die anderen Familienmitglieder Zuflucht gefunden hatten. Er arbeitete als Hilfsarbeiter und verkaufte Restwaren, die die Familie aus dem Geschäft in Paris mitnehmen konnte, um das knappe Familieneinkommen aufzubessern. Ansonsten lebte die Familie während dieser Kriegsjahre von spärlichen Vermögensresten und der Unterstützung von Verwandten und einer jüdischen Organisation.
Marthas Tochter Regina, die sich in Frankreich Régine nannte, war nach dem deutschen Einmarsch in Paris im Lager Gurs inhaftiert, konnte aber kurze Zeit später im Sommer 1940 zu ihren Eltern nach Luchon ziehen. Sie starb dort im November 1941 im Alter von 36 Jahren. Marthas Sohn Kurt wurde inhaftiert und am 11. Februar 1943 vom Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort nach seiner Ankunft ermordet.
Marthas Ehemann starb im November 1944 in L’Isle-Jourdain, einer südfranzösischen Gemeinde im Département Gers in der Region Okzitanien mit 78 Jahren.
Nur Martha und ihr Sohn Hans Herzberg überlebten die NS-Zeit. Martha Herzberg kehrte nach dem Krieg nach Paris zurück und bekam in einem Gerichtsverfahren zumindest die früheren Geschäftsräume und ihre Wohnung wieder zurück. Sie betrieb ab 1947 wieder ein Geschäft für Radiozubehörteile in der Rue d’Hauteville. Nach seinem Ausscheiden aus der britischen Armee im Oktober 1946 kehrte auch ihr Sohn Hans nach Paris zurück und half seiner Mutter in ihrem Geschäft in Paris, allerdings beeinträchtigte eine Kriegsverletzung seine Arbeitsfähigkeit.
Beide lebten in den 1950er-Jahren in Paris in der Rue d'Hautvile 64 und stellten von dort 1953 und 1956 zwei Wiedergutmachungsverfahren gegen das Deutsche Reich. Martha Herzberg wohnte später in Annet-sur-Marne, einer kleinen Gemeinde ca. 35 km östlich von Paris und starb dort im Altersheim Chateau de Louche
im April 1967 im Alter von 89 Jahren.
Quellenangaben
Meldeakten der Stadt Bad Kissingen
Datenbank Myheritage, Marthe EISENBOURG In Frankreich, Tabellen der Erbfolge und Abwesenheiten, 1890-1970![]()
Arolsen Archives Online,
Berlin: Meldekarten von jüdischen Einwohner/-innen Eintrag Ernst Herzberg![]()
Datenbank Myheritage, Ernst Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1900, Ernst Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1918, Ernst Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1920, Marta Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1925, Ernst Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1934, Ernst Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1936, Ernst Herzberg![]()
Berliner Adressbuch 1937, Ernst Herzog![]()
Gedenkbuch Bundesarchiv Koblenz, Kurt Herzberg![]()
Datenbank Myheritage, Kurt Herzberg In Deutschland, jüdische Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, 1933-1945![]()
Datenbank Myheritage, Kurt Herzberg In Jüdische Holocaust-Gedenkstätten und jüdische Einwohner Deutschlands 1939-1945![]()
Datenbank Myheritage, Régina HERZBERG In Frankreich, Pariser Volkszählung, 1936![]()
Datenbank Myheritage, Régine HERZBERG In Frankreich, Tabellen der Erbfolge und Abwesenheiten, 1890-1970![]()
Datenbank Ancestry, Regina Herzberg in der Sammlung Berlin, Deutschland, Geburtsregister, 1874-1908![]()
Datenbank Ancestry, Hans Herzberg in der Sammlung Berlin, Deutschland, Geburtsregister, 1874-1908
Die Einzelheiten zur Firma „Mundt & Co" in Berlin sowie die detaillierte Beschreibung des weiteren Lebenswegs der Familie Herzberg nach der Emigration verdanken wir den Recherchen von Hans-Jürgen Beck und folgenden Quellen, die er uns zur Verfügung gestellt hat:
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten-Entschädigungsbehörde Berlin (LABO), Abt. I – Entschädigungsbehörde, Opfer des Nationalsozialismus: BEG-Akte Reg.-Nr. 262 803, 262 804 und 66 407.
Mitteilung Dr. Martin Luchterhandt, Landesarchiv Berlin, Mail vom 02.07. 2025 an Hans-Jürgen Beck
Zurück zur Liste