Personendaten


Berditschewsky Anna (Chane)

Nachname
Berditschewsky
Geburtsname
Scher
Vorname
Anna (Chane)
Geburtsdatum
27.08.1896
Geburtsort
Swienciany/bei Wilnau
Weitere Familienmitglieder

Eltern: Noah und Fanny Feiga Scher geb. Zerkinsky
Geschwister: Max, Klara, Salomon Moses
Ehemann: Michael Berditschewsky
Kinder: Marthe verh. Weiss  und Rolf

Adresse

Salinenstraße 40

Beruf/Ämter
Weißwarenhändlerin
Emigration/Deportation

Juni 1933 emigriert nach Straßburg

Sterbeort/Sterbedatum
Straßburg - 06.08.1968

Biografie


Anna Berditschewsky geb. Scher kam am 27. August 1896 als Tochter von Noah Scher und dessen Ehefrau Fanny geb. Zerkinsky in Swienciany bei Wilna in Litauen (das damals zum russischen Zarenreich gehörte) zur Welt. Ihr Vater Noah war dort als Fischer tätig, entschloss sich aber 1899 mit seiner Familie nach Würzburg überzusiedeln und als Händler auf Märkten und Messen seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

1903 eröffneten die Schers in Bad Kissingen ein Saisongeschäft für Partiesachen, also ausgemusterte Waren, die zu stark reduzierten Preisen angeboten wurden. Während des Sommers lebten sie in der Kurstadt, im Winter hielten sie sich in Würzburg auf, bis sie im Jahr 1916 schließlich ganz nach Bad Kissingen zogen. Als Ostjuden nahmen die Schers eine Sonderstellung in der hiesigen jüdischen Gemeinde ein. Anna Scher heiratete den aus Mariupol in der Ukraine stammenden Goldschmied und Uhrmacher Michael Berditschewsky und lebte mit ihm zunächst in Fürth, wo im November 1919 ihre Tochter Marthe geboren wurde. Familie Berditschewsky wohnte aber in den Sommermonaten 1925 und 1927 noch einmal bei Annas Eltern in Bad Kissingen, wo im Juni 1925 ihr Sohn Rolf zur Welt kam.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich die Situation der Familie dramatisch. In der Lokalpresse setzte eine massive Hetzkampagne gegen sie ein, die der Familie klar machte, dass sie in Deutschland keine sichere Zukunft mehr hatte. Ende März 1933 erschien im Fürther Anzeiger ein infamer Artikel mit dem Titel „Der Jud Berditschewsky sucht seinen Renommier-Goi“: „Die Zeiten sind anders geworden in Deutschland. Das deutsche Volk ist erwacht aus seinem langen Schlaf und hat seine Feinde nun klar erkannt. Nicht nur im politischen Kampf traf der Wissende immer wieder auf den geschickt getarnten Juden, der der Antreiber von SPD und KPD ist, noch viel größer ist der Schaden, den das rassende Galiziertum im deutschen Wirtschaftsleben angerichtet hat. / Da gibt es eine Methode von vielen, die der Jude anzuwenden weiß. Da der deutsche Käufer den Galizier schon meist an seinem Namen als lästigen Ausländer erkennt, verbirgt dieser oft seinen zum Niesen reizenden polnisch-galizischen Namen hinter dem Vorhängeschild eines deutschen Namens. Kurz: der Jude sucht sich einen Renommier-Goi. Hinter dieser Firmierung, hinter der man die jüdische Visage nicht sofort erkennt, verborgen, macht der Galizier seine Geschäfte in Deutschland. Und wie es die Erfahrung gelehrt hat: es sind Geschäfte großen und größten Stils, die auf diese Weise zustanden gekommen sind. / In unserer Stadt gibt es unter anderen Galiziern auch einen Juden `B e r d i t s c h e w s k y´, der ein Textilgeschäft in der Maxstraße besitzt. Durch die Umschichtung der Verhältnisse in unserem Vaterland scheint nun der Herr Berditschewsky kein so gutes Geschäft mehr zu machen, wie das vielleicht bisher der Fall war. Dem sonderbaren Namen traut eben heute der deutsche Käufer nicht mehr. Wie hilft sich aber der Jude? – Er versucht, `jemand´ zu veranlassen, einige hundert Mark in das Geschäft einzulegen und dafür darf dann die Firma des Herrn Berditschewsky einen christlichen deutschen Namen tragen! Gefehlt, Ahasver! Mit diesem Märchen läßt sich das deutsche Volk heute nicht mehr fangen und einnebeln. Wem sein galizisches Aushängeschild, sein Name in Deutschland nicht mehr zum Betrieb seines Geschäftes genügt, der soll wieder dorthin gehen, woher er gekommen ist. Wir weinen ihm bestimmt keine Träne nach!“ (Fürther Anzeiger, 27.3.1933.; zitiert nach Hans Jürgen Beck, Chronik jüdischen Lebens in Bad Kissingen, der den Text von Helmut Steiner erhalten hat.)

Ende Juni 1933 zogen die Berditschewskys von Fürth nach Straßburg, wo sie in den folgenden Jahren lebten und als „russische Flüchtlinge“ registriert waren. Annas Mann betrieb dort ein Radiogeschäft. Ihre Tochter Marthe Berditschewsky heiratete im Februar 1939 den fünfzehn Jahre älteren Eric Weiss, der 1904 in Gera das Licht der Welt erblickt hatte. Mit ihm zog sie nach Saint-Dié in den Vogesen. Eric Weiss, der während des Krieges im Périgueux untergetaucht war und sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen hatte, wurde im März 1944 festgenommen, als er in konspirativer Mission nach Toulouse unterwegs war, und in Montignac in der Region Dordogne von der „Division Brehmer“ hingerichtet. Die Division Brehmer machte im Frühjahr 1944 Jagd auf Widerstandskämpfer, untergetauchte jüdische Flüchtlinge und verübte dabei auch Massaker an der Zivilbevölkerung. Annas Tochter Marthe, die mit Eric Weiss verheiratet war, überlebte die NS-Zeit, die genaueren Umstände sind allerdings nicht bekannt. Sie starb 2001 in Frankreich.

Anna Berditschewsky und ihr Mann Michael wurden nach Kriegsbeginn im September 1939 auf Befehl der französischen Regierung evakuiert und flohen - wie viele Mitglieder der Straßburger jüdischen Gemeinde - nach Perigeux. Beide überlebten die NS-Zeit und kehrten nach der Befreiung der Stadt Straßburg wieder dorthin zurück. Im Rahmen eines Rückerstattungsverfahrens erhob Anna Berditschewsky im Jahr 1958 zusammen mit ihren Brüdern Samuel (inzwischen wieder in Berlin lebend) und Salomon Moses (wohnhaft in Montevideo/Uruguay) Forderungen wegen entzogener Gold-, Silber- und Edelmetallgegenstände sowie entzogenen Mobiliars gegen das Deutsche Reich und war zur Verhandlung vor dem Landgericht Würzburg im November 1960 sogar persönlich angereist. 

 Anna Berditschewsky starb im August 1968 im Alter von 71 Jahren in Straßburg (Information Hans-Jürgen Beck nach Telefonat mit Nadine Berditschewsky, 05.04.2020), ihr Ehemann war dort bereits im Dezember 1957 gestorben.

Photo-Anna-Michel
Anna Berditschewsky geb. Scher und Ehemann Michael
Hanna-Scheer-Berlin-1959
Anna Berditschewsky geb. Scher (Berlin 1959)


Quellenangaben


Meldeunterlagen der Stadt Bad Kissingen, Familienbogen Noah Scher und Polizeiliche Wohnungsmeldung Anna Scher
Archiv der Stadt Straßburg, Hausdatei 603 MW54, Sterberegister 6 E 11
Hans-Jürgen Beck, Kissingen war unsere Heimat, Stand 2017,  S. 1173
Zentrale Datenbank Yad Vashem  externer Link
Le Maitron, Dictionaire Biographique, Fusillés, Guillotinés, Exécutés, Massacrés 1940 - 1944externer Link
Biographische Datenbank Jüdisches Unterfrankenexterner Link
Eintrag Facebook-Seite 1939-1944 Les Juifs en Dordogne, de l'accueil à la persécution.externer Link
Peter Frank, Die Marienstraße in Fürth und ihre früheren jüdischen Bewohner, S.5externer Link
Information Hans-Jürgen Beck nach Telefonat mit Nadine Berditschewsky, 05.04.2020
StAW WBIV N 680
Mail Hans-Jürgen Beck, 13.10.2024 (freundlicher Hinweis auf den Artikel aus dem Fürther Anzeiger, 27.3.1933)

Bildnachweise


© Nadine Berditschewsky (durch Kontakt von H.-J. Beck)



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